|
Der Tiroler Adelige Oswald von Wolkenstein - ein mobiler, kontaktfreudiger Vertreter des Spätmittelalters und ein bedeutender Lyriker
I
Wer heute mit dem Flugzeug in einer ausländischen Stadt landet oder diese soeben mit dem Zug beziehungsweise mit dem Auto erreicht hat, hält die Mobilität unserer Zeit vielleicht für einmalig. Er glaubt womöglich, Kontakte mit unbekannten Menschen und deren andersartigen Kulturen, Religionen, Sprachen und Gebräuchen seien vor der Erfindung unserer modernen Transportmittel erschwert und daher selten gewesen. Historiker wissen diesbezüglich allerdings anderes zu berichten:[1]
Schon in der Antike und ebenso im Mittelalter waren Millionen von Menschen unterwegs.[2] Ganze Völkerschaften zogen im Früh- und Hochmittelalter durch Europa: germanische Stämme, Hunnen, Awaren, Normannen, Ungarn und Mongolen erschreckten auf ihren Raubzügen die Seßhaften ihrer Epoche. Missionare wagten sich in die Lebensräume Andersgläubiger. Kleriker begaben sich zu Synoden oder zur päpstlichen Kurie. Die Itinerare der Könige und Fürsten zeigen uns Machthaber, die auf Pferderücken leben und regieren mußten. Adelige ritten zu weit entfernten Rechtsterminen und Jagdgebieten; die Jüngeren von ihnen zogen ruhelos von Krieg zu Krieg, um Beute zu machen. Sogar die Frauen der Oberklassen waren relativ mobil. Sie begleiteten ihre Ehemänner oder Väter zur Jagd und besuchten gesellschaftliche Ereignisse wie Hochzeiten oder Turniere. Lange Reiseberichte und viele Epen erzählen von Boten, Gesandten und Pilgern, die den Gefahren der Fremde trotzten. Kleriker und Studenten zogen von einer interessanten Ausbildungsstätte zur nächsten. Manche wurden dabei zu berufsmäßigen Vaganten, die sich gelegentlich mit fahrenden Dichtern und Sängern, Musikanten und Gauklern verbanden. Kaufleute konnten Fernhandelsgeschäfte nur auf Reisen und bei Auslandsaufenthalten organisieren. Geächtete und Verbrecher flüchteten von Ort zu Ort, weil sie hofften, unerkannt weiterleben zu können.
Alle, die damals mobil waren, trugen dazu bei, daß Ideen und Denkweisen, Kentnisse, Techniken, Waren - und leider auch Seuchen - verbreitet wurden. Ihnen ist es zu verdanken, daß der Erdteil Europa zusammenwuchs. Für Adelige war das Reisen zudem ein obligater Bestandteil ihrer Ausbildung: Die Kavalierstour sollte sie zu erfahrenen Menschen machen.
Im Mittelalter unterschied man das Unterwegssein streng nach dem Zweck: Das Wort 'Reise' bedeutete damals ´Kriegszug ins Ausland´. In diesem Sinne sprechen die Aufzeichnungen des Deutschen Ordens in Preußen von 'Sommerreisen' und 'Winterreisen' ins litauische Nachbarland. "Ain raiss an die Hussen" war ein Kriegszug gegen die Hussiten. ´Reisige´ waren Soldaten. Wer zivile Motive hatte, sei es Neugier oder Abenteuerlust, sei es Geschäftsinteresse, politische Notwendigkeit, Bildungshunger oder Frömmigkeit, sprach von 'fahren', von 'reiten' oder 'laufen'. Die meisten mittelalterlichen Reisenden waren wohl zu Fuß unterwegs. 'Manche louffen nach Cumpustela', predigt der berühmte Franziskaner Berthold von Regensburg, um gleich danach einprägsam zu schildern, welch schlimme Folgen solche Mobilität haben konnte. Denn Pilgerreisen verdarben seiner Meinung nach die guten Sitten, insbesondere die von Frauen.
Reisen war im Mittelalter nicht ungefährlich. Mehr als heute war der Reisende den Widrigkeiten der Natur - wie Kälte, Hitze, Regen, Schnee, Überschwemmungen, Vermurungen - aber auch Räubern und Piraten, dem Fremdenhaß, betrügerischen Wirten oder heimtückischen Begleitern ausgeliefert. Jederzeit mußte er mit bösen Überraschungen wie eingebrochenen Brücken oder mit widrigen Winden auf See rechnen. Er konnte eigentlich nirgends auf gute Reisewege, bequeme Transportmittel und komfortable Übernachtungsmöglichkeiten hoffen. Um so aufmerksamer beobachtete der mittelalterliche Reisende das jeweils durchreiste Land und dessen Leute. Er versuchte sich verständlich zu machen, erlernte rasch einige Sprachbrocken, bemühte sich um Anpassung, lieferte den Einheimischen Informationen und nahm seine Erfahrungen mit auf die Heimreise.
Jedenfalls ist es unrichtig zu meinen, daß die Menschen der verschiedenen Regionen und Herrschaftsräume Europas im Mittelalter kein Interesse an anderen Ländern sowie deren Sprache, Religion und Kultur gehabt hätten. Besonders neugierig war man selbstverständlich auf möglichst weit entfernte Gegenden. Schon seit Ende des 12. Jh.s hatte man ein praktikables geographisches und topographisches Wissen von den wichtigsten Ländern Europas und des Mittleren Ostens. Von den Meeren war das Mittelmeer, besonders die Ägäis, fast jedermann ein Begriff; dort gab es feste Handelsstationen der Venezianer und Genuesen, die bis ins Schwarze Meer reichten. Die Straßen und Schiffsrouten zu den großen Pilgerzielen Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela waren allen Ständen und Nationen bekannt. Leute, die weite Reisen überstanden hatten, waren überall gern gesehene Gäste, weil man ihren mündlichen Informationen eher traute als den meistens fabulösen Reisebüchern.
Die Quellen für die soeben skizzierte Reiselust und Kontaktfreudigkeit des Mittelalters fließen reichlich, allerdings erst seit Ende des 14. Jh.s: Memoiren, Chroniken, Urkunden und Akten, Rechnungsbücher, Zollregister, Warenlisten, literarische Texte und regelrechte Reisebeschreibungen sowie Pilgerberichte erzählen genug, um dem postmodernen Reisenden einen Eindruck von damals zu vermitteln. In welcher Weise ein spätmittelalterlicher Adeliger gereist ist und wie er seine 'Erfahrungen' als Dichter verwertet hat, zeigt uns beispielhaft der Tiroler Oswald von Wolkenstein, der von etwa 1376 bis 1445 gelebt hat.
II
Am Germanistischen Institut der Universität Graz wird seit vielen Jahren unter meiner Leitung an der Edition der historischen 'Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein' gearbeitet, ein Projekt, von dem sich jetzt schon sagen läßt, daß es mehr leisten wird, als eine Urkundenedition zu sein und einen Lebenslauf offenzulegen. Es weitet sich zu einem Panoramarückblick auf Lebensformen, Denkarten und Verhaltensweisen der Vergangenheit. Rund 1000 Urkunden und Akten aus dem 14., 15. und 16. Jh., von denen etwa 650 den Namen des Dichters nennen, während die übrigen die Familiengeschichte, Landesgeschichte und das weitere historische Umfeld beleuchten, werden transkribiert, beschrieben mit Regesten versehen und kommentiert.[3]
Im Zentrum der Beobachtung steht ein ungewöhnlicher Mann aus dem Tiroler Landadel, dessen erklärtes Ziel es war, an der Schwelle zu einer neuen Epoche noch einmal ein mustergültiges mittelalterliches Ritterleben durchzuexerzieren und dieses Vorhaben auch schriftlich und bildlich zu dokumentieren. Von Geburt aus war er dazu nicht prädestiniert, denn er gehörte zu den rechtlich benachteiligten 'nachgeborenen Söhnen' und litt unter einem auffälligen Gebrechen: Bildlichen und literarischen Zeugnissen zufolge muß eine häßliche Ptosis des rechten Augenlids seine Sehfähigkeit behindert und seine Kampftüchtigkeit beeinträchtigt haben. Er galt als Einäugiger; eine Laufbahn als kirchlicher Würdenträger kam für ihn deswegen nicht in Frage. Mit Willensstärke, Zähigkeit und Tüchtigkeit erreichte er schließlich eine angesehene Stellung als Berater König Sigmunds von Luxemburg und als Landadeliger in Tirol. Diesen Werdegang, der extreme Mobilität und Kontaktfreudigkeit voraussetzte, hat er selbst in autobiographischen Liedern besungen.
Während über Kindheit und Jugend seiner Zeitgenossen vom Adelsstand im allgemeinen wenig bekannt ist, erfahren wir aus den Liedern Oswalds von Wolkenstein die Geschichte seiner klassisch- ritterlichen Ausbildung: daß er zehnjährig sein Elternhaus verließ, ein mühseliges und karges Lebens als 'Renner' oder Schildknecht eines Kriegers führte, daß er überleben lernte und dabei in der gesamten damals den Europäern bekannten Welt herumkam. Lange Länder- und Städtekataloge, die von Literarhistorikern gern als Produkte dichterischer Fiktion behandelt werden, folgen den Reiserouten des jungen Oswald von Wolkenstein oder fügen Namen von Regionen und Orten, die er besucht hatte, nach literarischem Geschmack aneinander. Die ausführlichste Reiseerinnerung befiel den Dichter im Winter 1426/27 als er, durch eine Fehde isoliert und bei seinem Landesfürsten in Ungnade, auf der einsamen Südtiroler Waldburg Hauenstein in Ratzes am Schlern festsaß:
´Durch
das Berberland, Arabien,
In weiteren Reisekatalogen nennt er noch andere Länder und Regionen, etwa Ungarn und Böhmen, Irland, die Lombardei, Kreta, Zypern und das Heilige Land. Auch Ortsnamen hat Oswald von Wolkenstein in seinen geographischen Registern angehäuft. Außerdem schildert er in seinen Liedern immer wieder einzelne Reiseerlebnisse oder folgt in regelrechten Reiseliedern dem Gesamtverlauf einer Reise. Das 'Bereisen fremder Länder' war für ihn gleichbedeutend mit ritterlicher Selbsterfahrung. In Momenten frommer Besinnung und als alter Mann verurteilte er es allerdings als weltliches, Gott nicht gefälliges Treiben.
Was er neben den puren geographischen Namen an Reiseerinnerungen preisgibt, sind allerdings seiner Zeit gemäß noch keine Naturbeobachtungen oder Landschaftsschilderungen, keine konkreten Auskünfte über Straßen, Brücken oder Schiffahrtslinien, keine Beschreibungen von politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Verhältnissen, keine Berichte von bewundernswerten Bauten. Er berichtet lieber von eher kuriosen, für ihn teils angenehmen, teils unangenehmen persönlichen Erlebnissen. Er gibt Erinnerungsfetzen zum besten, die durchwegs mehr mit dem Selbstwertgefühl eines adeligen Aufsteigers als mit dem jeweils bereisten Land zu tun haben. Nur gelegentlich drängen sich echte Beobachtungen von Land und Leuten in die Lieder: In Ungarn seien die Kissen aus Sätteln gemacht, das heißt die Gasthäuser unbequem. In Katalonien und Léon-Galizien esse man gern Kastanien, die für Südtiroler Begriffe eher als Viehfutter galten. In Perpignan seien die Frauen auffällig gekleidet, geschmückt und geschminkt. In Preußen gehe man auf Menschenjagd. Solche Aussagen könnten allerdings auch mündlich oder schriftlich verbreitetes Allgemeinwissen wiedergeben. - Dem Nachweis von Welterfahrung, wie sie ein mittelalterlicher Adeliger haben sollte, dienten möglicherweise Oswalds Behauptungen über das Beherrschen von Fremdsprachen: ´Französisch, arabisch, katalanisch, kastilisch, deutsch, lateinisch, slowenisch, italienisch, russisch und griechisch: Diese zehn Sprachen verwendete ich, wenn es nötig war.´ (Kl. 18, 21 - 23) [im Original: „franzoisch, mörisch, katlonisch und kastilian, teutsch, latein, windisch, lampertisch, reuschisch und roman, die zehen sprach hab ich gebraucht, ...“]
An anderer Stelle spricht er von sieben Sprachen, die er beherrsche, und nennt dabei auch ungarisch und flämisch. Er führt seine Kenntnisse gelegentlich sogar in gemischtsprachigen Liedern vor (Kl. 69 und 119), wobei sich zeigt, daß er vor allem jene Phrasen beherrscht hat, die ein Reisender im Umgang mit fremdländischen Frauen benötigte. Manchmal erzählt er von anscheinend unverwechselbaren Reiseerlebnissen, etwa von einem Pferdediebstahl, von der Flohplage in einer ungarischen Herberge oder der harten Matratze in Perpignan, vom Schmutz und den hohen Brotpreisen in der Lombardei, von spöttischen Patriziertöchtern im Augsburger Tanzhaus, von verschmutzten Reisekleidern oder davon, wie es dem Tiroler Provinzler im Konstanzer Freudenhaus erging. Allerdings ließen sich solche meist schwankhaft geschilderten Reisenöte problemlos auch auf andere Personen übertragen. Vereinzelt wird aber auch unverwechselbar Persönliches berichtet: etwa von einem Schiffbruch im Schwarzen Meer, den er gemeinsam mit einem Russen, angeklammert an ein Weinfaß, überlebt haben will; von Ordensverleihungen und Ehrungen durch Königinnen in Katalonien und Paris; von einer mißlungenen Audienz bei König Sigmund in Preßburg; von den Rechtsverdrehungen schlauer Kirchenmänner in Rom oder von seinem Staunen beim Hören mehrstimmiger Musik in Südfrankreich. Der Sänger und Komponist Oswald von Wolkenstein hat die Ars nova im romanischen Raum natürlich mit besonderem Interesse wahrgenommen!
Die literarhistorische Forschung hatte sich in den 60er und 70er Jahren daran gewöhnt, Oswalds autobiographische Aussagen als Fiktion im Rahmen der literarischen Tradition anzusehen. Erst die gründliche Sichtung der historischen Dokumente, die für diesen Dichter in einmaliger Menge, Qualität und Aussagekraft vorhanden sind, konnte mit solchen Vorurteilen aufräumen. Die in Graz vorbereitete Edition wird eine lange Reihe von Liedaussagen durch historische Quellen als 'wahr' belegen oder jedenfalls als wahrscheinlich abstützen können. Das gilt auch für manche Reisen, obwohl es gerade in diesem Bereich schwer ist, Zeugnisse aufzutreiben. Insgesamt liest sich die aus Urkunden und Akten erstellte Vita Oswalds von Wolkenstein als ein imposantes Beweisstück für mittelalterliche Mobilität und Kontaktfreude.
III
Das frühest erhaltene Lebenszeugnis des Dichters führt uns weit weg von Tirol: Im Herbst 1399 hat der Hauskomtur von Königsberg, der zugleich Marschall und Initiator der Feldzüge des Deutschen Ordens gegen die heidnischen Litauer war, die Zahlung von 150 Mark an einen "Wolkensteyner" in seinen Rechnungen vermerkt. Die Notiz wurde in das Marienburger Tresslerbuch übertragen und ist auf diese Weise erhalten geblieben. Daß es sich um Oswald von Wolkenstein und nicht einen seiner Brüder oder Vettern handelt, ergibt sich aus einem Brief vom Herbst 1400, den ein Verwandter aus Königsberg schrieb und in dem sowohl von den Sommer- und Winterfeldzügen wie von einem Ritt nach Nowgorod die Rede ist. Ob der Dichter wie andere junge Tiroler Adelige tatsächlich als Krieger beziehungsweise als 'Kreuzfahrer' in Preußen gewesen ist, oder vielleicht als Bote oder als Händler läßt sich aus der knappen Rechnungsbucheintragung nicht mit Sicherheit eruieren.
Wenige Monate nach diesem Preußenaufenthalt setzte der Tod von Oswalds Vater eine deutliche Zäsur im Leben des jungen Adeligen. Fortan sind seine Rechts-, Verwaltungs- und Geschäftsakte in zunehmender Dichte schriftlich überliefert: Eine Urkundenlücke im Jahre 1401 läßt Oswalds Teilnahme am Italienfeldzug König Ruprechts von der Pfalz, von der er in einem Lied spricht, möglich erscheinen. Schon Ende 1402 tauchte er noch einmal in Preußen auf, diesmal in Marienburg, wo er wie ein Diplomat oder Bote mit wichtigen Briefen die Kosten für einen Herbergsaufenthalt ersetzt bekam. Im Anschluß an diesen Preußenaufenthalt könnte er durch Litauen und die tatarisch besetzte Schwarzmeerküste in die Türkei gelangt sein, wie er ebenfalls in Liedern behauptet. Möglicherweise ist hier auch das mehrfach literarisch geschilderte und durch ein Votivbild bezeugte Schiffbruchserlebnis im Schwarzen Meer anzusetzen. Jedenfalls ist urkundlich erwiesen, daß er längere Zeit nicht in Tirol war. 1403 urkundete er als Lehnsmann des Bischofs von Brixen im alten Hochstiftsgut Veldes, dem heute slowenischen Bled in Krain.
In den folgenden Jahren etablierte er sich als Rechtssachverständiger und Verwaltungsspezialist im Hochstift Brixen. Er begann sich auch in Adelsangelegenheiten der Grafschaft Tirol zu engagieren. Das hinderte ihn nicht, im Zeitraum 1409/10 eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zu unternehmen, nicht ohne vorher einen Gedenkstein zu bestellen, auf dem er als Kreuzritter dargestellt ist. Von dieser gefährlichen Reise, bei der er vermutlich zum Hl. Grab-Ritter geschlagen wurde, hat er in einem späteren Brief an Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz berichtet. Demnach schiffte er sich in Venedig auf einem der Pilgerschiffe ein und lernte die damals übliche Route sowie die dabei gezeigten Sehenswürdigkeiten kennen. Heimgekehrt kaufte er sich im Augustiner-Chorherrenstift Neustift als Pfründner [Praebendarius] ein, das heißt, er verschaffte sich auf Lebenszeit eine Wohnung mit Heizung und Essen. Eine weitere Urkundenlücke erlaubt es, anzunehmen, daß er am Venezianischen Krieg König Sigmunds teilgenommen hat, wie er in einem Lied andeutet.
Kurz vor Beginn des Konstanzer Konzils löste Oswald von Wolkenstein seinen Dienstvertrag mit dem Bischof von Brixen und begab sich an den königlichen Hof. Anfang 1415 nahm ihn König Sigmund von Luxemburg, König von Ungarn und Böhmen sowie designierter deutscher Kaiser, in sein Hofgesinde auf. Dies bedeutete für den Dichter die Bekanntschaft mit einer Reihe von ungarischen, böhmischen und schwäbischen Herren. Der König schickte den sprachenkundigen und weltgewandten Tiroler zunächst auf eine große Gesandtschaftsreise. Wenn man den Liedern Glauben schenkt, führte sie über Heidelberg, England, Schottland, Irland, Portugal, mit Abstechern nach Santiago de Compostela und Ceuta in Nordafrika, ferner über Granada und Aragon nach Südfrankreich, Savoyen und schließlich Paris. Bezeugt ist diese Reise durch die Requisiten des aragonesischen Kannenordens, die Oswald auf einem späteren Porträt zur Schau stellt und durch einen Geleitsbrief König Sigmunds aus Paris, den Oswald später zu weiterem Gebrauch umgeschrieben, d.h. gefälscht hat. (Er überschrieb die Ortsangabe Paris mit Preßburg!) In den folgenden Jahren agierte er abwechselnd in Schwaben und in Tirol. 1419 reiste er zum König nach Ungarn und ließ sich auf der königlichen Burg Wischegrad vom Herzog von Troppau eine Wappenverbesserung verleihen. Im Herbst 1420 nahm er am Hussitenkrieg teil, jedenfalls wird unter den Belagerten der Festung Vysehrad bei Prag als einer der Anführer ein 'Wolckensteiner' genannt, der ausdrücklich ‚von der Etsch’ d.h. aus Tirol stammte.
1421/22 hielt ihn ein Erbschaftsstreit, in dessen Folge er in die Gefangenschaft seiner Fehdegegner und des Landesfürsten geriet, in Tirol fest, doch schon Ende 1422 gelang es ihm, in Preßburg König Sigmund von Luxemburg für seine Notlage zu interessieren. Dieser ließ tatsächlich eine Serie von Schreiben an schwäbische, italienische und Tiroler Herren ergehen, die seinen 'Diener' Oswald aufnehmen und ihm helfen sollten. Eine zweite Reise Oswalds nach Preßburg, die im Winter 1424/25 stattfand, blieb aber weniger erfolgreich. Der König war offensichtlich nicht einmal bereit, Oswald ein Geleitschreiben auszustellen, so daß dieser zur bereits angedeuteten Fälschung seine Zuflucht nehmen mußte und aus der Lokalisierung ´Paris´ ein ´Preßburg´ machte. Wieder in Tirol, sah sich Oswald vor die landesfürstlichen Räte geladen. Er versuchte sich durch eine Flucht nach Bayern dem gefürchteten Prozeß zu entziehen, wurde aber gefangengenommen und in Vellenberg bei Innsbruck, später in Innsbruck selbst festgesetzt. Im Mai 1427 mußte er sich dem Herzog bedingungslos unterwerfen und als Buße seine Teilnahme an einem Feldzug gegen die Hussiten, "ain rays an die Hussen", versprechen. Er hat diese ‚Reise’ sofort nach seiner Haftentlassung angetreten.
Anschließend geriet er in einen erbitterten Rechtstreit mit einem seiner Vettern. Um seinen Forderungen Nachdruck verleihen zu können, reiste Oswald 1427/28 über Salzburg, München, Augsburg, Ulm, Heidelberg, Köln und Aachen nach Westfalen und ließ sich in den Geheimbund der Freischöffen der Feme aufnehmen. Bezeugt ist diese in einem Lied besungene Deutschlandreise durch die Aufzeichnung der sogenannten "Ruprecht'schen Fragen", einer geheimen Schrift der Feme, die sich in Oswalds Nachlaß gefunden hat.
1430 reiste Oswald von Wolkenstein zur Nürnberger Versammlung, wo er wieder mit seinem König zusammentraf und anschließend mit dem königlichen Gefolge durch Schwaben. Er war beim glanzvollen Nürnberger Reichstag von 1431 anwesend und wurde um diese Zeit Mitglied des hochfeudalen engeren Kreises der von König Sigmund gegründeten, ursprünglich ungarischen Gesellschaft mit dem Drachen. Gleichzeitig mit ihm wurde der rumänische Woiwode Vlad in die 'societas draconis' aufgenommen, dieser nannte sich fortan stolz Vlad Dracul. (Dessen Sohn Vlad Þepes, auch Dracula genannt, machte in der Neuzeit eine bemerkenswerte Karriere als Roman- und Filmfigur.) Über welche Kontakte ein Mitglied des Drachenordens verfügte, beweist eine Urkunde vom 14.April 1431, in der neben Oswald von Wolkenstein hohe Herren wie der königliche Hofrichter Heinrich von Plauen, die Bischöfe von Regensburg und Agram, Markgraf Friedrich von Brandenburg, zwei bayerische Herzoge, der Herzog von Jülich-Berg und ein Böhme namens Schencko [möglicherweise Herzog Przemko von Troppau] genannt werden. Von Nürnberg aus ist Oswald von Wolkenstein nicht mit Reichstruppen gegen die Hussiten gezogen und hat deren Niederlage bei Taus auch nicht miterlebt, sie aber in einem Lied bedauert. Ihn selbst hatte der König mit einer diplomatischen Sendung an den Tiroler Landesfürsten betraut. Vielleicht fühlte er sich doch schon zu alt für einen Kampf zu Pferd.
Anfang 1432 folgte Oswald dem dringenden Ruf König Sigmunds nach Piacenza, wo er sich mit den Mitgliedern der kaiserlichen Kanzlei anfreundete. Im März dieses Jahres schrieb er einen Brief aus Rom, der überraschend in einem Südtiroler Adels-Archiv gefunden wurde. Anschließend begleitete der reisefreudige Tiroler eine königliche Gesandtschaft von Parma nach Basel, wo schon wieder ein Konzil tagte. Seine letzte größere Reise unternahm Oswald von Wolkenstein 1434 zum Ulmer Reichstag, wo er König Sigmund zum letztenmal traf und sich von diesem mehrere Privilegienbriefe ausstellen ließ. Nach 1435, also etwa nach seinem 60. Lebensjahr, hat Oswald von Wolkenstein die Territorien, in denen er Besitzungen verwaltete, also das Hochstift Brixen sowie die Grafschaften Tirol und Görz, nicht mehr verlassen. Seßhaft in unserem Sinne ist er aber bis zu seinem Tode im Sommer 1445 nicht gewesen. Urkunden und Akten beweisen, daß er trotz Alter und Krankheit ständig seinen Aufenthaltsort zwischen der Burg Hauenstein am Schlern, dem Kloster Neustift bei Brixen und der Stadt Meran gewechselt hat.
An diesem Lebenslauf[5] ist nicht etwa die Rastlosigkeit des adeligen Aufsteigers die Besonderheit, sondern vielmehr die einzigartige Möglichkeit, einer solchen Lebensreise aufgrund von Archivalien und Liedstellen nachgehen zu können. Dem durch Geburt benachteiligten Wolkensteiner hat seine Mobilität offensichtlich das gebracht, was er sich wünschte: den Aufstieg zum respektierten, vermögenden und einflußreichen Landadeligen. Die damals bekannte Welt 'erfahren' zu haben, die Mächtigen in der Welt kennengelernt zu haben, sowie Kontakte mit Persönlichkeiten in aller Welt zu pflegen, war in der ersten Hälfte des 15. Jh.s noch ein sicheres Erfolgsrezept.
[1] Vgl. u.a. Norbert Ohler, Reisen im Mittelalter. München:Artemis 1986. [2] Vgl. die Einleitung zu Margaret Wade Labarge, Medieval Travellers. The Rich and Restless. London: Hamish Hamilton 1982. S. XI - XVI. [3] Das Projekt ist bereits auf mehreren Fachtagungen und in den entsprechenden Publikationen vorgestellt worden: Anton Schwob, Die Edition der Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein als Basis für sprachwissenschaftliche Untersuchungen des Frühneuhochdeutschen. In: Deutsche Sprachgeschichte. Grundlagen, Methoden, Perspektiven. Festschrift für Johannes Erben zum 65. Geburtstag. Hg. von Werner Besch. Frankfurt/M. - Bern - New York - Paris: Peter Lang 1990. S. 201 - 208. Ders., Die Edition der Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein und neue Funde zum realen Erlebnishintergrund seiner Lieder. In: Ex ipsis rerum documentis. Beiträge zur Mediävistik. Festschrift für Harald Zimmermann zum 65. Geburtstag. Sigmaringen: Jan Thorbecke 1991. S. 159 - 172. [4] Zitiert wird nach der Ausgabe: Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. Unter Mitwirkung von Walter Weiß und Notburga Wolf hg. von Karl Kurt Klein. 3.Aufl. neubearb. und erweitert von Hans Moser, Norbert Richard Wolf und Notburga Wolf. Tübingen 1987. (Altdeutsche Textbibliothek 55.) Kürzel: Kl. [5] Der Urkundenedition ging die Arbeit an einer Biographie voraus: Anton Schwob, Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. Bozen 1977. (Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes 4.)
|